Bea Schwarzwälder übernimmt bei Swiss Rowing die neu geschaffene Rolle als Nationaltrainerin Breitensport. Im Gespräch erzählt sie, was sie an dieser Aufgabe reizt, welche Chancen sie für den Erwachsenenrudersport sieht und wie sie selbst zum Rudern gekommen ist.
Seeclub Thun: Zuerst herzliche Gratulation zu deiner Ernennung als erste Nationaltrainerin Breitensport bei Swiss Rowing. Was bedeutet dir diese neue Rolle persönlich?
Bea Schwarzwälder: Für mich ist es Hobby, Beruf und Berufung in einem. Ich kann gewissermassen ernten, was ich über viele Jahre als Hobby betrieben habe, und daraus nochmals einen Beruf machen – in den letzten Jahren vor dem Pensionsalter.
Ist es das erste Mal, dass du beruflich im Rudern tätig bist?
Nein, nicht ganz. Ich war bereits zwischen 2009 und 2014 Fachleiterin Rudern im Programm Jugend und Sport. Das war damals ein Teilzeitpensum von 20 Prozent beim Bundesamt für Sport. Daraus ist später ein grösserer Job entstanden: Heute bin ich zu 80 Prozent beim Bundesamt für Sport angestellt, betreue unter anderem die dreisprachigen Webseiten und verschicke jährlich rund 50 mehrsprachige Infomails an die Zielgruppen der Programme Jugend und Sport sowie Erwachsenensport. Nun wechsle ich vom BASPO zu Swiss Rowing.
Diese Funktion gab es bisher bei Swiss Rowing nicht. Was genau umfasst deine neue Rolle?
Die Leitung Breitensport beziehungsweise die Nationaltrainerin Breitensport ist auf den Erwachsenensport ausgerichtet. Bei den Jungen läuft schon vieles. Es geht nun darum, dass Erwachsene in der Schweiz besser rudern lernen können. Der zentrale Hebel ist die Ausbildung: Trainerinnen und Trainer im Erwachsenen-Breitensport sollen befähigt werden, noch besser zu unterrichten.
Wo siehst du aktuell die grössten Herausforderungen im Schweizer Breitensport Rudern?
Rudern bei Erwachsenen boomt in der Schweiz. Es gibt sehr viele Erwachsene, die rudern lernen möchten – und zwar gut. Viele bringen auch Ambitionen mit. Die Vereine sind dadurch stark gefordert: Sie haben eine grosse Nachfrage, können diese aber mit den heutigen Strukturen nicht immer auffangen. Oft fehlen genügend Leute, die neue Clubmitglieder trainieren können. Häufig ist auch die Infrastruktur begrenzt. Eine Frage ist zum Beispiel, wie man Bootshäuser und Material besser nutzen könnte, etwa tagsüber.
Was möchtest du in deiner neuen Rolle unbedingt bewirken oder verändern?
Die Idee ist, dass die Nationaltrainerin Breitensport viel unterwegs ist, die Clubs besucht und die Vereine vor Ort unterstützt. Es soll zum Beispiel Standardmodule geben, welche die Clubs buchen können. Dann komme ich vorbei und führe diese Module vor Ort durch. Von diesen Modulen gibt es im Moment erst die Titel – ich werde sie noch mit Inhalt füllen müssen. Die ersten zwei Jahre werden deshalb stark vom Aufbau geprägt sein: vorbereiten, durchführen, testen, was funktioniert, nachjustieren und schauen, was gut ankommt.
Gibt es etwas, das du dir im Gegenzug von den Clubs wünschst?
Ja: dass sie mich schweizweit buchen – insbesondere auch in der Romandie und im Tessin. Ich bin für alle da.
Gehst du davon aus, dass es dafür Nachfrage gibt?
Ja. Erich Pfister, Verantwortlicher Fitnessrudern im Vorstand von Swiss Rowing, hat sehr viel Arbeit in das Konzept gesteckt. Er hat die Idee an verschiedenen Orten vorgestellt und Rückmeldungen gesammelt. Es gab auch eine Umfrage bei den Vereinspräsidentinnen und -präsidenten: Was braucht ihr? Würde euch ein Nationaltrainer beziehungsweise eine Nationaltrainerin helfen? Und was wärt ihr bereit, dafür zu bezahlen? Denn das Angebot wird nicht gratis sein. Der Verband übernimmt einen Teil, aber ein gewisser Kostenbeitrag wird von den Vereinen kommen müssen.
Gibt es auch neue Ansätze, um jüngere Zielgruppen im Breitensport besser anzusprechen – etwa Menschen unter 40?
Für mich umfasst Erwachsenen-Breitensport wirklich alles – von 20 bis 90 plus. Das Spektrum ist extrem breit: Es gibt ambitionierte Masters, die an nationalen Regatten starten, und es gibt Menschen, die einfach Freude daran haben, in einem Boot unterwegs zu sein. Rudern kann für alle etwas sein. Bei den Jüngeren ist die Herausforderung oft, dass sie mitten im Leben stehen, beruflich stark eingebunden sind oder Kinder haben. Dann fehlt schlicht die Zeit. Viele kommen später, zum Beispiel mit 50 – und sind dann immer noch fit. Manche haben vorher einen anderen Sport gemacht und entdecken das Rudern dann neu.
Welches sind die Schnittstellen zwischen Breitensport und Leistungssport?
Der Leistungssport ist bei Swiss Rowing gut organisiert. Der Breitensport ist der neue Bereich, der nun weiter ausgebaut wird. Eine Schnittstelle ist sicher die Rudertechnik: Die ist für alle gleich. Ich kann mir vorstellen, dass ich zumindest am Anfang viel in Sarnen sein werde, nahe bei den Nationaltrainern. So kann ich spiegeln: Bin ich mit meinen Ideen auf dem richtigen Weg? Erkläre ich Technik mit denselben Bildern wie sie? Eine weitere Schnittstelle wäre Trainingspläne für Masters, die zum Beispiel an den Schweizermeisterschaften teilnehmen möchten: Was ist in den letzten sechs Wochen wichtig, damit man bereit ist?
Kommen wir zu deinem persönlichen Hintergrund: Wie bist du eigentlich zum Rudern gekommen?
Meine Eltern haben beide gerudert, aber ich wusste das damals nicht. Einmal war ich mit ihnen in Luzern auf der Aufschütte. Da fuhr ein Skiff vorbei, und ich dachte: Das sieht cool aus. Kurz darauf war beim See-Club Luzern ein Tag der offenen Tür ausgeschrieben. Mein Vater ging mit mir hin, und dort kam ich zu meiner ersten Ausfahrt: im Rennachter. Nach dem Anfängerkurs habe ich rund zehn Jahre regattiert. Mit 19 profitierte ich von der Einführung des Frauen-Leichtgewichtsruderns und durfte 1986 die Schweiz im Leichtgewichtskiff an die u23 in Hamburg vertreten.
Wie bist du zum Seeclub Thun gekommen?
Der Weg führte über den Rowingclub Bern: Ich suchte mir einen Studiengang an der Uni Bern aus, weil ich mich mit 17 in den Wohlensee verliebt hatte. Auch die Thuner trainierten im Sommer auf dem Wohlensee, weil der Thunersee schon damals schwierig war. So lernte ich Reto kennen. Im Rowingclub engagierte ich mich auch als Trainerin. Als jedoch meine Trainerkollegen aufhörten, wollte ich nicht alleine weitermachen und wechselte zum Seeclub Thun.
Was schätzt du besonders an unserem Club?
Die Menschen: viele kenne ich schon 20 oder mehr Jahre. Das Panorama, das wirklich einzigartig ist. Die seltenen Tage mit guten Wasserverhältnissen.
Kann unser Club weiterhin auf dich zählen?
Ich werde weiterhin als J+S-Coach die J+S-Kurse administrieren und die J+S-Leiterinnen und -Leiter in die Weiterbildungen schicken. Ebenfalls stehe ich Reto als rechte Hand für Bootswartung und -trimmung zur Verfügung. Beim Junioren-Fitnessteam werde ich nach 10 Jahren die Leitung abgeben und nur noch gelegentlich Trainings leiten. Wenn es mein Kalender erlaubt, werden auch künftig Techniktrainings und/oder Privatstunden möglich sein. Die Verantwortung für die Wartung der Rettungswesten und Schwimmhilfen gebe ich gerne ab.
Zum Abschluss ein paar kurze Fragen: Drei Worte, die Rudern für dich beschreiben?
Team. Rhythmus. Über-das-Wasser-gleiten.
Morgen- oder Abendtraining?
Lieber Morgen.
Skiff oder Mannschaftsboot?
Wenn ich wählen muss: lieber Skiff.
See oder Fluss?
See – oder etwas dazwischen.
Dein liebster Ort zum Rudern?
Der Lago di Varese.
Interview: Peter Ferloni
